GEORG LEUTNER

- KUNSTBERATER










Flora I
von Josiane Dias
2016
Florale Motive haben häufig etwas mit Vergänglichkeit zu tun. Eine gepflückte Blume ist stets im Sterben begriffen und steuert auf Verwelken zu. Die Auseinandersetzung mit dem Vergehen und Verfall zieht sich durch die gesamte Kulturgeschichte hindurch. Was in der westlichen Welt unter den Begriff “Vanitas” fällt, heißt in der japanischen Kultur “Ukiyo”. In der griechischen Antike haben bereits Heraklit und Platon den Ausspruch “Panta rhei” (“Alles fließt”) geprägt.

Flora I von Josiane Dias, die übrigens nicht aus Japan, sondern aus Brasilien kommt, zeigt Blüten, die ihre lebendigen Tage hinter sich haben. Die Flüssigkeit entweicht aus den Zellen, es bilden sich Falten auf der Oberfläche — ein Prozess, der früher oder später mit allem Leben geschieht. Um die Schönheit im Vergehen zu finden, muss man aber nicht lange suchen. Es sind Bilder wie dieses, die uns  an die Erhabenheit des Moments erinnern. Ob wir uns daran festhalten können oder nicht, ist zweitrangig.







Valencia, Spain
(Robert and Mary Frank)
von Elliott Erwitt
1952
Dieses Bild ist pure Subjektivität. Bei all der Nostalgie, dem Alltag und häuslichem Setting kann man wohl zurecht behaupten, dass Elliott Erwitt nach der Magie im Ordinären sucht. Das bedeutet auch, dass seine Fotos nicht inszeniert, sondern spontan und dokumentarisch sind. So auch dieses Bild, das ein Paar beim Tanz in einer Küche zeigt. Die Anwesenheit des Fotografen ist nicht spürbar; das Paar wirkt ungestört. Wir als Betrachter stehen beinahe in diesem Raum, in diesem Jahr, und erhalten einen privaten Einblick ins Leben dieser zwei Menschen.

Der Einblick-Charakter wird von den Räumlichkeiten noch deutlich verstärkt. Robert und Mary Frank befinden sich in der Küche, während der Fotograf außerhalb steht. Wenn dieses Bild ein Objekt wäre, wäre es etwas aus Fleisch und Blut.

Die Magie solcher Bilder verblasst nur für diejenigen Augen, die von Schnappschüssen übersättigt sind. In einer Welt von Milliarden von Bildern kristallisieren sich aber auch Stereotypen heraus.







Sylvia Whitman
“Passing Through”
Sonnabend Gallery
von Babette Mangolte
1977
Die Frau mit den überdimensionalen Händen ist Teil einer im Jahr 1977 stattgefundenden Performance der Künstlerin Sylvia Palacios Whitman. Dieses Bild ist ein interessanter Fall von dokumentarischer Fotografie, die wiederum ein eigenständiges Werk abbildet (die Performance). Man könnte somit argumentieren, dass der Kern des Werkes nicht das Foto ist, sondern das Motiv an sich. Zugleich besteht das Wesen einer Performance in der Bewegung, die sich nur bedingt fotografisch festhalten lässt.

Von allen Bildern, die diese Aufführung festgehalten haben, hat sich dieses mit Abstand am meisten etabliert. Die Rolle des Fotografen besteht hier zwar im Dokumentieren der künstlerischen Vision (eines anderen Künstlers). Im Endeffekt handelt es sich aber um eine indirekte Zusammenarbeit, denn das aufgenommene Bild repräsentiert das Stück und vermittelt dessen Idee all jenen, die bei der Performance nicht dabei waren.




Suspension
von Robert Parkeharrison
aus der Serie “Architect’s Brother - Earth Elegies”
Dieses Bild baut auf einer Symbolik auf, die bei erster direkter Deutung mehr Rätsel aufgibt als beantwortet. Kühne Metaphern wie diese sind am ehesten im Surrealismus zuhause. Träume und die Psyche sind mitunter auch Orte, an denen Physikgesetze nicht gelten, und Wolken ohne weiteres an Pfosten angebunden werden können — wie Tiere.

Worum geht es hier also? Ein Mensch in der Natur ist inhaltlich vor allem ein Hinweis auf unsere Interaktion mit der Umwelt (Stichwort Chemtrails). Nimmt man das Motiv weniger wörtlich-global und mehr psychisch, offenbart sich eine weitere Dimension: Unerfüllbarer Kontrollwunsch, oder der Wunsch, Nicht-Greifbares zu ergreifen. Auf dem Bild funktioniert das prächtig. Bleibt nur die Frage, wie elegant so eine direkte Symbolik sein kann. Einige Betrachter werden sich sicherlich an diesem Motiv erfreuen; andere dürften sich bevormundet fühlen.




KILOPHOT MEDIA 
© 2017 all rights reserved